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Offenbach-Post
von Reinhold Gries

14.09.2017

Feinsinniges, Prachtvolles
Eindrücke einer fachkundigen Besucherin

SELIGENSTADT ▪ In Seligenstadt kam zum Tag des offenen Denkmals zusammen, was zusammengehört: die wundervolle Architektur der größten erhaltenen Basilika der Karolingerzeit nördlich der Alpen mit Wohlklang-Akustik und einem der besten Barockensembles Mitteleuropas. 25 Jahre nach seinem ersten Auftritt in der Einhardstadt gastierte der Böblinger Weltklassetrompeter Prof. Wolfgang Bauer mit seinem erlesenen Consort und einem phantastischen Barockkonzert.

Um den Echo-Klassik-Preisträger versammelten sich mit Primarius Christian Ostertag, Dietlind Mayer (Violine), Ludwig Hampe (Viola) und dem Continuo aus Thomas Strauß (Cembalo) und Clemens Weigel (Violoncello) ein Starensemble, das schon bei großen internationalen Festivals für Beifallsstürme gesorgt hat. Auch um in der Reihe „hör-mal im Denkmal“ das vorgegebene Thema „Macht und Pracht“ in Musik umzusetzen, wie sie in dieser Reinheit und Schönheit sehr selten zu hören ist.
Dabei durften die großen Barockkomponisten nicht fehlen. Erstmals hörte man hierzulande Johann Sebastian Bachs Ouvertüre für Streicher und Basso continuo as-Moll in der rekonstruierten Urfassung, die wohl in Bachs Köthener Zeit um 1738 entstanden ist. Ähnlichkeiten mit dem ersten Satz seiner berühmten Leipziger h-Moll-Suite BWV 1067 waren ebenso unüberhörbar wie Unterschiede. Es fehlte die spätere Traversflöte als Melodieträger, dafür entschädigte das Streichertrio samt Cembalo mit einem aufs Feinste gewebten Fugenteppich, dessen Ende unvollendet wirkte. Das war so gewollt.

Mit Bachs „Musikalischem Opfer“ für Preußenkönig Friedrich den Großen hatte das moderne „Sanssouci-Trio: Momente eines Königlichen Themas“ zu tun, das der Stuttgarter Komponist Bernhard Krol eigens für den „unnachahmlichen“ Wolfgang Bauer und die Seinen geschrieben hatte. Bauer gab nicht nur zu dieser Entstehungsgeschichte launige Moderationen. Was er mit seiner Piccolo-Trompete aus dem am Cello fein vorgezupften Thema machte, auch im Zusammenspiel mit Cembalist Strauß, ließ fast den Atem stocken. Wann hat man Bach in solchem Wechsel aus historischem Zitat und freitonaler Variation gehört? Manches kam meditativ oder romantisch daher, anderes beinahe wie Free Jazz – in wunderbaren Charakter- und Tempowechseln.

Bauer machte in Wort und Tat klar, warum er weltweit einer der gefragtesten Trompeter ist, nicht nur bei Krols Meisterwerk. Er verdeutlichte den gebannten Zuhörern, dass in früheren Zeiten keineswegs jeder einfach Trompete blasen durfte. Da gab es strenge Vorgaben und Kontrollen, die Trompete war privilegierten Auftritten bei Königen, Fürsten und Fürstbischöfen vorbehalten. So war das auch bei Guiseppe Torellis Hochzeitssonata G 1 für Trompete, Streicher und Continuo von 1685. Im Wechsel von schnellen und langsamen Sätzen ging Feinsinniges mit Prachtvollem zusammen, überhöht von Bauers strahlkräftigen und doch kammermusikalischen Koloraturen, die ihm kaum einer nachmachen kann. In der Barockzeit folgte auf den Bologneser Pionier Torelli der meisterhafte Venezianer Tomaso Giovanni Albinoni, mit dessen sehr kantablem „Concerto op. 7 Nr. 3“ der Bauer Consort das Meisterkonzert festlich wie beschwingt eröffnete. Schon auf Vivaldi hinweisende Passagen wurden gekrönt von Bauers Barocktrompeten-Soli, mit unglaublich weichen Ansätzen ins kleine Instrument geblasen. Das Ensemble war dabei nicht dogmatisch und setzte neben historischen auch moderne Instrumente ein, um äußerste Präzision zu erreichen. Das Spektrum der Stücke reichte hin bis ins Vorklassische bei Johann Baptist Georg Nerudas „Concerto per Corno Es-Dur“. Was Bauer „Piccolo-Horn“ nannte und spielte, nennt man sonst „Corno di caccia“. Dieses schwer zu spielende Instrument beherrschen nur wenige auf unserer Erde so wie Bauer.

Königlich amüsierte sich das Publikum in der Seligenstädter Basilika auch bei Heinrich Ignaz Franz Bibers böhmischem Trio der „Sonata representativa von Violine, Cembalo und Cello mit animalischen Charaktersätzen wie „Die Nachtigall“, „Der Kuckuck“, „Die Frösche“ oder „Der Hahn“. Es provozierte, wie vieles andere, ganz großen Beifall, wie Primarius Ostertag das Tirilieren, Kuckucks-, Quak- und Krählaute in schöne Tanzsätze einfügte, die im Musketiermarsch gipfelten. Dass man mit solchen Sätzen auch in kriegerische Kämpfe zog, zeigte die andere Seite von „Macht und Pracht“.

 

 

 

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