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Stimmgewaltig und hochfein
Von Reinhold Gries(Quelle: Offenbach-Post)

Mittwoch, 10. Dezember 2014

Stimmgewaltig und hochfein
Der Mainzer Domchor unter Leitung von Karsten Storck in Seligenstadt

Franz Preuschoff, der Spiritus rector der Seligenstädter Klosterkonzerte, wurde fast überrannt vom Publikumszuspruch zum Adventskonzert des Mainzer Domchores. Das freute den Mainzer Domkapellmeister Karsten Storck, Regionalkantor Thomas Gabriel an der Orgel und Gastmusiker Michael Höfele, den Solo-Englischhornisten der Bayreuther Festspiele ebenso wie die Organisatoren dieses Benefizkonzertes zur Erhaltung der in Fundamenten fast 1200 Jahre alten Einhardbasilika.
   Was der vor knapp 150 Jahren von Bischof Ketteler in Mainz gegründete Knaben- und Jungmännerchor bot, war außergewöhnlich, nicht nur im Wechselspiel mit Organist Gabriel zu Johann Sebastian Bachs Kantate „Wachet auf, ruft uns die Stimme“. Ansonsten setzte Storck a capella auf die Magie seiner von Knabensopran über die Alt- bis zur Tenor- und Basslage überragend besetzten Stimmenarmada, mit der er in diversen Besetzungen und Aufstellungen bis hin zum Plenum agierte.
   Feierlich der gregorianische Choral „ad te levavi“ der achtköpfigen Männerschola, in der Storck selbst mitwirkte. Dessen Tonfolge baute er mit dem gesamten Chor im Palestrina-Stil zu fünfstimmiger Polyphonie aus, welche für die frühmittelalterliche Basilika ebenso gemacht schien wie Orlando di Lassos kraftvoll-kanonische „Dextera Domini“-Architektur oder Jacobus Gallus´ achtstimmige Klangkathedrale im expressiv-rhythmischen „Veni Domine“. Wundervoll verinnerlicht wurden die Lieder des Renaissance-Meisters Johann Eccard aus dem thüringischen Mühlhausen gesungen. Wer sich tief hineinziehen ließ in Eccards fünfstimmige Chorsätze „Komm, du Heiland aller Welt“, „Mit Ernst, o Menschenkinder“ oder „Übers Gebirg Maria geht“, erhielt einen bleibenden Eindruck von mitteldeutscher Polyphonie, die in Bachs „Gloria sei dir gesungen“ ihr würdige Choral-Antwort erfuhr. Storck blieb bei den komplexen Werken mit ihrer diffizilen Stimmenführung jederzeit Herr des Geschehens, mit feinsten Gesten immer neu für Ausdruck und Transparenz der Stimmregister sorgend – bis hin zur absoluten Perfektion. Dazu malten Gabriel und Höfele im empfindsamen Duett zu Georg Philipp Telemanns „Sonate in G für Englischhorn und konzertierende Orgel“ von der Empore aus hochbarocke Klangbilder.
   Dass dieser Domchor zu den führenden seiner Art in Europa gezählt werden darf, hörte man auch im romantischen und moderneren Fach. Entsprechend wohlklingend begeisterte die Harmonik von Kurt Hessenbergs „Maria durch ein Dornwald ging“, von Sergej Rachmaninoffs orthodox beeinflusstem Chorsatz „Bogorodize“ oder von Hermann Schroeders neuerem „Rorate coeli“, das sich aus gregorianischem Antiphon aufbaute. Erstaunlich nah lag das an Giovanni Croces frühbarockem Stimmengeflecht des „Benedicam Dominum“ und belegte wie Jacobus Gallus vierstimmig fugiertes „Natus est nobis“, dass Alte und Neue Musik kein Widerspruch sein müssen, wenn sie so großartig verstanden und musikrethorisch gedeutet werden wie von den Mainzer Gästen. Die hatten nach dem stimmungsvoll auf Englischhorn und Orgel gespielten „Abendfrieden“ Joseph Gabriel Rheinbergers weitere Glanzlichter zu bieten. Felix Mendelssohn Bartholdys vierstimmiges „Richte mich Gott“ der Männerstimmen steigerte sich im Plenum zu dessen dramatischer Psalmvertonung „Warum toben die Heiden und die Leute reden so vergeblich“ zum Höhepunkt des Abends. So dramatisch, kontrastreich, stimmgewaltig und hochfein hat man das kaum gehört.

 

 

 

 

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