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Ein mehr als netter Mischmasch
Von Eva Schumann(Quelle: Offenbach-Post)

05.07.2014

Ein mehr als netter Mischmasch

SELIGENSTADT ■ Dem Henschel Quartett konnten die Seligenstädter Klosterkonzerte zum 20. Geburtstag gratulieren. Zu diesem Jubiläum fehlt dem Kleinen Streicherfestival nur wenig, denn ihren inzwischen international bekannten Zögling hatten die Henschels bereits drei Jahre nach Gründung ihres Ensembles aus der Taufe gehoben. Während sie bisher Gast-Ensembles aus westlichen. Europäischen Ländern eingeladen hatten, holten sie im 17. Streicherfestival weiter aus. Das St. Petersburg Quartett mit seinen überwiegend russischen Mitgliedern wurde 1985 in Leningrad gegründet, residiert aber in den USA. Der Bratscher Boris Vayner war schon am ersten Abend bei Mendelssohns zweitem Streichquintett beteiligt.

   Das Gast-Quartett, das wie gewohnt den zweiten Abend gestaltete, führte sich mit einer Premiere ein. Die Chaconne aus Bachs Partita d-moll BWV 1004, seit zweihundert Jahren immer wieder für unterschiedliche Besetzungen bearbeitet, spielte es in einer bemerkenswerten Streichquartett-Bearbeitung von Vayner. In dieser hörbar mit Herzblut erschaffenen Fassung erschließt sich eindrucksvoll sowohl die Polyphonie, als auch der völlig unterschiedliche Charakter der Variationen. Unter der Führung von Alls Aranowskaja brachten die Musiker diese Differenzierung sensibel zur Geltung. Die unterschiedlichen Temperamente der Primaria, des zweiten Geigers Luiz Salazar Avila, des Bratschers Vayner und des Cellisten Leonid Schukajew vereinigten sich zu unübertrefflichem Zusammenspiel.

   Das Programm erwies weiterhin die Wandlungsfähigkeit des Ensembles. Der teils strengen, teils eher romatischen Bach-Version setzte es einen leichtfüßigen "Valse" und ein heißblütig musikantisches "All Ungherese" entgegen, zwei der Fünf Noveletten op. 15 von Glasunow.

Den Höhepunkt des Programms bildete das achte Streichquartett von Schostakowitsch, dessen kammermusikalischem Werk sich das Ensemble mit viel gerühmten und ausgezeichneten Interpretationen besonders widmet., Das Streichquartett, entstanden 1960 in Sachsen statt einer geplanten Filmmusik und offiziell gewidmet dem "Gedenken an die Opfer des Faschismus und des Krieges", geriet zum autobiographischen Werk. Schostakowitsch beginnt und endet es mit einem Thema aus seinen Initialen "d – es – c – h", verwendet Eigenzitate u.a. aus seinen Sinfonien und zitiert außerdem Wagner und Tschaikowsky.

   "Ein netter Mischmasch", kommentierte er sein "niemandem nützendes und ideologisch verwerfliches" Quartett. Er verstand es als Requiem für sich selbst, konnte sich aber nicht den ironischen Kommentar verkneifen, es sei von einer derartigen Pseudotragik, dass er beim Komponieren "so viele Tränen vergossen habe, wie man Wasser lässt nach einem halben Dutzend Bieren". Das Petersburg Quartett brachte sowohl die echte tiefe Traurigkeit der erschütternden Lago-Sätze, als auch die Ironie der Walzer-Parodie im Allegretto eindringlich zum Ausdruck. Das Ensemble faszinierte sowohl durch Virtuosität und Transparenz als auch durch Klangwunder.

 

 

 

 

 

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